Raucherentwöhnung im Fokus – ein Expertenbeitrag zu aktuellen Trends, Erfahrungen und Empfehlungen für Betriebe

Markus Fahrnberger ist Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe in freier Praxis und Experte für betriebliche Raucherberatung & -entwöhnung, neben seiner Tätigkeit in einem Rehazentrum. Im Interview spricht er über aktuelle Trends im Zusammenhang mit Nikotinkonsum in der Gesellschaft, seine Erfahrungswerte in der langjährigen professionellen Arbeit und Empfehlungen für Betriebe, die einen Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten möchten

Daniel Ott-Meissl: Studien zeigen, dass der Zigarettenkonsum global sinkt. Diese Beobachtung stellt nicht nur einen kurzfristigen Trend dar, sondern ist Teil einer langfristigen Entwicklung. Deckt sich das mit deiner Wahrnehmung?

Markus Fahrnberger: Im klinischen Arbeitsalltag kann ich das nicht bestätigen, da in den Seminaren und Gruppen zur Raucherentwöhnung weiterhin zahlreiche Menschen mit unterschiedlichsten Konsummustern und in unterschiedlichen Motivationsphasen vertreten sind. Mit Vorbehalt kann ich sagen, dass die überzeugten Raucher weniger werden. Wobei fraglich ist, ob diese Konsumentengruppen diesen Seminarangeboten nicht genau deshalb fernbleiben. Im privaten Alltag scheint sich allerdings schon ein Trend zur bewussten Rauchfreiheit zu zeigen. Einerseits scheinen Jugendliche einen bewussteren, gesünderen Zugang zum Leben bzw. zum eigenen Körper zu haben. Dies gilt sicher nicht für die gesamte Population, aber es scheint sich dieser Trend zu bestätigen – vielleicht einer der (wenigen) positiven Effekte der „Social-Media-Bewegung“. Andererseits scheinen die Raucher in meiner Generation früher für die Rauchfreiheit motiviert zu sein und dies auch früher erreichen zu können. Mittlerweile können die Raucher*innen in manchen Freundeskreisen an einer Hand abgezählt werden. Wenn wir uns Studien und Statistiken ansehen, dann sehen wir mehr als eine Halbierung der Rauchprävalenz bei Kindern/Jugendlichen in den letzten 20 Jahren, wobei sie aktuell bei etwa 8% für ein nikotinhaltiges Produkt liegt. Wir dürfen vermuten, dass die gesellschaftlichen und politischen Initiativen hier ihre Wirkung zeigen. Bei den erwachsenen Frauen zeigt sich bis vor etwa zehn Jahren eine Steigerung des Konsums, und seither ist er wieder im Abnehmen. Bei Männern sehen wir diesen Trend zur Abnahme des Rauchens seit den 1970ern. Aktuell konsumieren etwa ein Viertel der Bevölkerung täglich nikotinhaltige Produkte. In den ersten beiden Pandemiejahren sehen wir rückwirkend leider eine leichte Steigerung sowohl bei Zigaretten als auch anderen Nikotinprodukten. Wobei der Zigarettenabsatz von 2020-2023 sank (von 1,3 Mrd. auf 1,1 Mrd.) jedoch der Absatz von Nikotinerhitzern um das 9-fache stieg.

Daniel Ott-Meissl: Das Aufkommen neuer Nikotinprodukte führt seit geraumer Zeit zu einem starken Wandel im Bereich des Rauchens. Sowohl „rauchfreie“ Trendprodukte wie E-Zigaretten, auch bekannt als „Vapes“, sowie Tabakbeutel („Snus“) werden immer beliebter. Wie stehst du zu dieser Entwicklung?

Markus Fahrnberger: Das ist eine höchst besorgniserregende Entwicklung. Hier werden Nikotinprodukte als coole Lifestyleprodukte verkauft, die gezielt Kinder und Jugendliche ansprechen sollen. Das kennen wir schon aus der Lebensmittelbranche, für die es theoretisch durchaus strenge Gestaltungsregeln gibt, um diese vulnerablen Altersklassen zu schützen. Hier können wir vermuten, dass die Industrie neue Absatzwege sucht und versucht das Prinzip von „Einmal süchtig, immer süchtig“ zu nutzen. Wenn wir Menschen einmal in einem Suchtkreislauf drinnen waren, ist die Rückfallwahrscheinlichkeit drastisch erhöht im Gegensatz zu Menschen, die nie die entsprechenden Substanzen konsumiert haben. Hier ist einerseits definitiv die Politik am Zug uns als Bevölkerung und besonders die Jüngsten zu schützen. Andererseits ist es auch die Aufgabe der Eltern, der Gesellschaft, von Bezugspersonen, dem Gesundheitssystem hier offen und aufklärend mit den Kindern und Jugendlichen zu kommunizieren, damit sich diese ein umfassendes Bild von diesen Produkten und deren Risiken machen können.

Daniel Ott-Meissl: Ein häufiges Argument seitens der Konsumenten dieser „rauchfreien“ Nikotinprodukte ist hierbei, dass sie ihnen dabei helfen können den Zigarettenkonsum zu senken. Ist an dieser Aussage etwas dran?

Markus Fahrnberger: Diese Hoffnung hatte ich vor zehn Jahren auch. Umstieg auf E-Zigarette, somit weg vom klassischen Rauchen, dann als nächsten Schritt das Nikotin entwöhnen und anschließend auch die E-Zigarette weglassen. Dieser Weg hat sich leider in den Studien im Großen und Ganzen nicht als erfolgreich erwiesen. Es hat sich auch gezeigt, dass E-Zigaretten, Dampfer und Co nicht weniger schädlich als klassische Tabakzigaretten sind, und etwa die Hälfte der Raucher zum „Dualen Raucher“ wird, also beides konsumiert. In einer Studie wurde nach fünf Jahren des Umstiegs auf E-Zigarette ein 2-3-fach höheres Sterberisiko an Lungenkrebs gefunden. Generell zeigt sich ein Trend, dass im Vergleich „Zigaretten & E-Zigaretten“ ähnliche dramatische Krankheitsrisiken bestehen, und der „Dual-Use“ teilweise ein 20-40% höheres Risiko für verschiedene Folgeerkrankungen darstellt.

Daniel Ott-Meissl: Du bist neben deiner Ausbildung als klinischer und Gesundheitspsychologe auch ein Experte für betriebliche Raucher*innenberatung und Rauchentwöhnung. Wie groß ist deiner persönlichen Erfahrung nach der Einfluss und die Prävalenz von Nikotinabhängigkeit am Arbeitsplatz?

Markus Fahrnberger: In der Raucherberatung und -entwöhnung gilt es stets die Konsummuster des Menschen zu erkennen, um diese dann gezielt zu bearbeiten. So gibt es Raucher*innen, die nur in der Arbeit rauchen und im Privaten nicht oder kaum, und genauso umgekehrt. Meistens ist es ein gemischtes Konsummuster, wobei hier wiederrum jeweils unterschiedliche Bedürfnisse hinter dem Konsum der einzelnen Zigaretten stehen können. Im Arbeitsalltag kann es die ersehnte Pause sein, oder der/die Kolleg*in, die um die Ecke kommt. Zu Hause wiederum die Langeweile vor dem Fernseher, oder die Wartezeit bei der Bushaltestelle genauso wie die rote Ampel im Berufsverkehr. So kann es dann auch dazu kommen, dass es in den verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich einfach bzw. herausfordernd sein kann den Rauchstopp zu schaffen. Es kann zu Hause leichter sein, da man sich gut ablenken kann oder sogar der/die einzige Raucher*in ist. Oder es kann im beruflichen Umfeld einfacher sein, da mehr Struktur gegeben ist, und vielleicht auch schon betriebliche Änderungen zur Unterstützung durchgeführt wurden.

Daniel Ott-Meissl: Wenn wir das Thema Rauchstopp – oder allgemeiner gesagt: Nikotinabhängigkeit – aus der Sicht des Arbeitgebers oder der Arbeitgeberin betrachten, stellt sich die Frage: Wo können Organisationen ansetzen, um ihre Mitarbeiter*innen beim Aufhören mit dem Rauchen optimal zu unterstützen?

Markus Fahrnberger: Die Unterstützung im betrieblichen Kontext ist eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit dem/der Raucher*in zu helfen. Schon alleine aufgrund des Umstandes, dass sehr viel Tages- und Lebenszeit am Arbeitsplatz verbracht wird. Der Betrieb kann hinweisende, motivierende und wertschätzende Botschaften übermitteln, in dem der Betrieb einerseits Informationskampagnen startet und andererseits gesundheitsfördernde Maßnahmen anbietet womit auch die Mitarbeiter*innenzufriedenheit gefördern werden kann. Die Angebote sollten für alle MA*innen frei zugänglich und ohne Mehraufwand sichtbar, aber nicht zu aufdringlich sein. Die betrieblichen Rahmenbedingungen sollten das Rauchen in einem gewissen Rahmen ermöglichen, aber auch nicht zu streng sein, damit keine Widerstände auftreten. In der Arbeitszeit können Möglichkeiten zur freiwilligen Raucherberatung und -entwöhnung angeboten werden.

Daniel Ott-Meissl: Gibt es deiner Erfahrung nach psychologische Prozesse und Phänomene, die besonders relevant für das individuelle Rauchverhalten sind und daher speziell berücksichtigt werden müssen aus organisationaler Perspektive?

Markus Fahrnberger: Beachtet werden müssen die unterschiedlichen Motivationsphasen in denen sich die jeweiligen Raucher*innen befinden. Wir unterscheiden grob drei Motivationsphasen, in denen wir mit den Menschen unterschiedlich kommunizieren und arbeiten müssen, um sie im Rauchstoppprozess adäquat zu unterstützen. Bei den (noch) überzeugten Raucher gilt es die Widerstände zu erkennen und warum das Rauchen noch so positiv bewertet wird. Die ambivalenten Raucher sind in einem Wiederspruch. Einerseits wird das Rauchen schon negativ bewertet und womöglich auch besorgt in die Zukunft geblickt, andererseits ist ein konkreter Rauchstopp noch nicht vorstellbar, da die Zigaretten mitunter Hilfe in verschiedenen Situationen bieten können, und vielleicht gab es schon erfolglose Stoppversuche. Beim Rauchstopp motivierten Raucher gilt es die letzten Bedenken zu hinterfragen und aus der Welt zu schaffen, und ebenso konkrete Strategien für kommende und auch absehbare Verlangensattacken zu erarbeiten. Über alle Motivationsphasen hinweg empfiehlt sich auch eine psychoeduktive Wissensvermittlung. Für noch Konsument*innen wirkt das Wissen über eine Suchterkrankung, deren Dynamiken über Entstehung, Aufrechterhaltung und auch Therapie meistens entlastend und auch motivierend für weitere Schritte. Dadurch können wir die Menschen in die Veränderungsmotivation und die Handlungsphase bringen. 

Daniel Ott-Meissl: Zum Abschluss würde mich noch interessieren, wie man sich als betroffene Person den Weg aus der Nikotinabhängigkeit vorstellen kann. Wie realistisch ist ein solches Unterfangen und worauf sollte man sich vorbereiten?

Markus Fahrnberger: Ich bin der festen Überzeugung, dass jede/r Raucher*in den Rauchstopp schaffen kann. Eine Grundvoraussetzung, die ich den Menschen stets versuche klarzumachen, ist eine Kampfbereitschaft zu wecken, um mit kommenden Verlangensattacken umgehen zu lernen, und sich diesen nicht schnell und leichtfertig zu ergeben. Der/Die Raucher*in kann noch so motiviert sein das Craving, das Verlangen nach einer Zigarette wird in irgendeiner Art und Weise nach dem Rauchstopp kommen. Deshalb ist es durchaus sinnvoll vor dem konkreten Rauchstopp herauszufinden, warum man selbst raucht, in welchen Situationen die jeweilige Zigarette welche Funktion erfüllt und welches Bedürfnis befriedigt wird. Denn diese Auslöser, diese Bedürftigkeiten wird es in Zukunft höchstwahrscheinlich auch geben. Das kann die Wartezeit bei der Busstation sein, genauso wie die ersehnte Rauchpause im Büro/in der Werkstatt oder die Belohnungszigarette nach getaner Arbeit. Auf diese Situationen sollte man deshalb vorbereitet sein und gewisse Strategien parat haben, um gemeinsam mit der Kampfbereitschaft nicht zur Zigarette zu greifen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jede/r Raucher*in den Rauchstopp schaffen kann.

Markus Fahrnberger

Daniel Ott-Meissl: Gibt es noch konkrete Tipps welche du Personen mitgeben würdest, deren Ziel die besagte Rauchreduktion oder ein endgültiger Rauchstopp ist?

Markus Fahrnberger: Nichts überstürzen und vor dem geplanten Rauchstopp sich und sein Rauchverhalten kennenlernen. Anfangs versuchen sich vor dem Anzünden einer Zigarette zu überlegen welches Verlangen dahinter steht. Ob sie wirklich in der aktuellen Situation notwendig ist, oder ob man etwas anderes tun kann, um sich abzulenken oder zu entlasten. Im Prinzip ein gedankliches Rauchertagebuch ohne schriftliche Notizen mit dem Ziel gewisse Verhaltensmuster an sich zu erkennen. Durch diese Methode kann man sich mitunter einiges an Veränderungsdruck wegnehmen, da es noch kein konkretes Ziel ist das Rauchverhalten zu ändern. Dennoch reduzieren viele Nochraucher ihren Konsum um bis zu einem Drittel durch diese Methode, und das ohne Druck, einfach nur durch bewusstes, reflektiertes Rauchen. Und diese manchmal recht einfache Reduktion kann sehr motivierend für weitere Schritte sein.

Raucherentwöhnung am Arbeitsplatz – was Unternehmen tun können

Gesundheit beginnt oft mit dem Gespräch – und mit einem Umfeld, das zuhört, sensibilisiert und unterstützt. Unternehmen können dabei eine wichtige Rolle spielen: durch gezielte Maßnahmen, Angebote zur Vorsorge und Räume für Austausch.

So können Unternehmen die Raucherentwöhnung aktiv fördern:

  • Gesundheitstage mit Schwerpunkt Suchtprävention
    Ein halber oder ganzer Tag mit gezielten Stationen – etwa mit psychologischer Beratung, medizinischer Vorsorge oder Informationsstände – dies sorgt für einen niederschwelligen Zugang. Ein guter Einstieg, um Aufmerksamkeit zu schaffen und erste Impulse zu setzen.

  • Maßgeschneiderte Programme mit nachhaltiger Wirkung
    Begleitung über mehrere Wochen bis Monate – etwa mit einer Kombination aus Vorträgen, Workshops oder Beratungseinheiten – dieser Ansatz ermöglicht es, eine kompakte und motivierte Gruppe bei ihrem Ziel zum nachhaltigen Rauchstopp zu unterstützen

Wir von WPH unterstützen Sie gerne dabei, Raucherentwöhnung im Arbeitskontext mithilfe bewährter Ansätze zu realisieren – mit passgenauen Formaten, fundierter Beratung und langjähriger Erfahrung in der Betrieblichen Gesundheitsförderung.